Seit wir denken können laufen sie uns über den Weg. Geschichten und sagenumwobene Legenden aus dem Frankenland und nicht zuletzt aus Kulmbach. Sie faszinieren uns und helfen uns gar, manches Mal unsere Bräuche und Vorfahren besser zu verstehen. Um diese Geschichten, nicht zuletzt auch „unsere Geschichte“ lebendig zu halten, setzen sich Historiker für sie ein, forschen und bringen uns mit ihren Ergebnissen die Vergangenheit näher. So auch Dr. Adrian Roßner, Historiker mit dem Schwerpunkt der fränkischen Landesgeschichte.
Herr Dr. Roßner, auf der Suche nach den Geschichten in der Geschichte sind Sie stets in Ihrer wunderschönen Heimat unterwegs. So kann man es Ihren eigenen Zeilen entnehmen. Dabei führte Sie Ihr Weg nicht nur einmal auch durch das Kulmbacher Land. Für meine Leser würde ich gerne folgendes wissen: Wie kam es zu der Faszination, den vielen Geschichten auf den Grund zu gehen?
Dr. Roßner: „Das ist eine wirklich gute Frage, die ich tatsächlich gar nicht so einfach beantworten kann. An sich hat mich die Vergangenheit schon immer fasziniert, wobei es die Erzählung gibt, dass ich bereits im Kindergarten mit einem Buch zu den „Weltwundern der Antike“ herumgelaufen bin. Den Fokus auf die Landesgeschichte hat dann vor allem mein Großvater geprägt, der mich immer zum „Stromern“ durch die Wälder mitgenommen hat. Dabei hat er mir weitergegeben, was er wiederum von seinem eigenen Opa oder anderen Leuten abgelauscht hatte: Geschichten von den Raubrittern am Waldstein oder den Sagengestalten unserer Heimat. Mit 16 Jahren hielt ich schließlich meinen ersten eigenen Vortrag und begann, mich intensiv mit der Heimatforschung zu beschäftigen. Nach dem Abitur habe ich dann entsprechend Europäische Geschichte und Anglistik studiert und anschließend im Institut für Fränkische Landesgeschichte in Thurnau promoviert. Egal, welches Thema einem dabei über den Weg gelaufen ist oder läuft, finde ich es immer wieder unfassbar spannend, mich auf entsprechende Spurensuchen zu machen, Entwicklungen nachzuvollziehen und damit am Ende auch ein wenig besser zu verstehen, was Kultur und Identität unserer Heimat eigentlich ausmacht.“
Besonders gefällt mir die Erinnerung des „Stromerns“ mit Ihrem Großvater. Schon seit Menschengedenken wurde so das Wissen an die nachfolgende Generation weitergegeben. Als Kulmbloggera versuche ich eine solche Begeisterung für die Heimat, das Kulmbacher Land, in den Fokus zu rücken. Mit welcher Geschichte, Begegnung oder Erinnerung können auch Sie diese Begeisterung teilen?
Dr. Roßner: „Da gibt es tatsächlich viele: Mit dem Kulmbacher Raum verbindet mich eine sehr enge und langjährige Freundschaft mit dem Kastellan der Plassenburg, Harald Stark, der mich, als ich noch Schüler war, zu vielen grandiosen Exkursionen mitgenommen hat. Was mir außerdem noch immer sehr deutlich vor Augen ist, ist die Schließung der Kulmbacher Spinnerei in Mainleus: Ich bin damals von einer Freundin darauf hingewiesen worden, dass die Fabrik nicht mehr lange existieren würde, und habe daher angefragt, ob ich Fotos machen dürfte. Anschließend bin ich erst mit meinem Opa und danach mit einem guten Freund dorthin gefahren, um an zwei Tagen insgesamt über 2.000 Bilder zu knipsen, während die Firma langsam heruntergefahren wurde. Es war unter anderem dieser Kontakt mit der Industriekultur, der mich so tief beeindruckt hat, dass ich später zur Textilindustrie in Oberfranken promoviert habe.“
Sie haben somit zur richtigen Zeit den richtigen Blick auf etwas legen können und eine Geschichte ins Auge gefasst, die für unseren Landkreis prägend war. Gibt es sie darüber hinaus noch immer? Geschichten aus Kulmbach Stadt und Land, welche noch erzählt werden wollen?
Dr. Roßner: „Sogar unendlich viele! Wichtig bei einer Betrachtung der Vergangenheit unserer Heimat ist, dass wir neben der bloßen Geschichte, die aus Entwicklungen, Zahlen und Fakten besteht, auch die Geschichten in den Blick nehmen müssen. Natürlich beschäftigen wir uns in der Forschung daher mit Markgrafen und anderen „Großen“, aber gerade in unserer Region ist es elementar, auch die angeblich „kleinen Leute“ nicht zu vergessen: Die Landwirte und Handwerker, Arbeiter und Unternehmer, die durch ihre Arbeit und ihre Tätigkeit die bodenständige und wunderschöne Kultur Oberfrankens nachhaltig geprägt haben. Daher freue ich mich auch immer riesig, wenn mir beispielsweise nach einem Vortrag oder bei einem Treffen genau solche „G’schichtla“ erzählt werden, die das Vergangene auf ganz eigene und sympathische Art zugänglich machen.“
Da bin ich ganz bei Ihnen. Die heimlichen Helden, die authentischen Geschichten, wie wir sie aus unserer eigenen Familienchronik kennen. Ich verfolge sehr gerne, was wir hierzu von Ihnen noch zu lesen bekommen! Vielen Dank für Ihre Zeit und dieses Interview, Herr Dr. Roßner!
Eure Neugierde ist geweckt? Erfahrt mehr „G´schichtla“ und klickt euch durch eine Vielzahl interessanter Beiträge aus der Mediathek des BR. Vorträge und mehr warten darauf, von euch erfahren zu werden. Wer weiß, vielleicht habt auch ihr eine spannende Geschichte für Herrn Dr. Roßner auf Lager?
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